Unzensuriert aus dem Todestrakt von Texas … das letzte Kapitel

Also meine Freunde, in meinem Leben ist ein Wunder geschehen. Ich habe eine zweite Chance im Leben bekommen. Ich bin nicht mehr länger im Todestrakt. Im Juni bekam ich einen Anruf von meinem Anwalt, dass der Staat mir einen Geständnishandel angeboten hat, eine lebenslange Gefängnisstrafe. Ich sagte ihm, dass ich mit meiner Familie sprechen muss und nachdem ich das getan habe, entschied ich, dass ich das nicht tun wollte. Das wurde mir bereits zu Beginn dieses Leidensweges angeboten. Ich lehnte es damals ab und wollte es auch jetzt nicht. Die Anhörung sollte am 9. Juni in Brownsville stattfinden. Ich ging an diesem Morgen in das Gericht und meine Anwälte sagten mir, dass ein neuer Geständnishandel angeboten worden ist und die Anhörung verschoben.

Die Anwälte und Ankläger sprachen miteinander und sie boten mir einen anderen Handel ab, den ich ebenfalls ausschlug. Ich fühlte, dass ich etwas besseres bekommen könnte, also versuchte ich es. Meine Anwälte und der Staat sprachen an diesem Nachmittag weiter miteinander und erreichten ein für alle befriedigendes Arrangement. Mein Anwalt kam in dieser Nacht in das Gefängnis und sagte mir, dass falls ich mich schuldig bekennen würde und den Rest meiner Berufungen aufgebe, ich eine zwanzigjährige Gefängnisstrafe bekommen würde. Ja, ich entschloss mich, das zu akzeptieren. Die Papiere wurden unterschrieben und ich ging zurück ins Polunsky Gefängnis um darauf zu warten, dass alles ausgearbeitet wird.

In der Wartezeit konnte ich in der Nähe einiger guter Freunde leben wie Chi-Town, der sehr froh für mich war, Andy, mit dem ich jahrelang befreundet war und einigen anderen. Wir lachten viel und teilten Erinnerungen über die Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Da waren viele traurige Erinnerungen , wie der Tod guter Freunde und Angehöriger drinnen und draußen. Dann gab es Erinnerungen des Lachens und der guten Zeiten, von Basketball- und Handballspielen, Schach und Scrabble in Ellis, der gemeinsamen Arbeit in der Schneiderei und wie wir uns an Feiertagen große Mahlzeiten aus unseren Einkäufen machten. Doch die letzten zwei Monate verbrachte ich auch in ruhiger Einkehr, denn diese letzten elf Jahre waren die pure Hölle. Es war für mich sehr schwer, in einer Welt zu leben, die vom Tod dominiert wird, in einer Welt voller Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit. Mein Geist ist davon betroffen, mein Körper, meine Familie litt darunter, doch ich versuchte in der ganzen Zeit, ein Mensch zu bleiben. Ich habe versucht nicht verrückt zu werden. Der Kampf war extrem schwer und für eine Weile verlor ich meinen Verstand.

Das tat ich wirklich. Die Leute sahen meine Handlungen und hörten meine Worte und sahen mich als eine Art Anführer an. Doch ich sah mich selbst nie als Anführer. In Wahrheit verlor ich meinen Verstand und konnte nicht mehr Nachdenken bevor ich handelte. Ich habe während unseres Protests Dinge getan, die ich niemals getan hätte, wenn mein Geist nicht beeinflusst gewesen wäre und einige gute Menschen und meine Familie und Paula haben mir geholfen, die Richtung zu sehen, in die ich mich bewegte. Jene von Euch, die sich über alles informiert haben was geschehen ist wissen, dass ich ein besorgtes Herz habe. Wirklich, und wir schafften einige wenige gute Änderungen für jene, die noch immer im Level II und III sind, doch da ist noch soviel das getan werden sollte.

Im Wissen, dass ich gehen würde, war ich auch einer Dunkelheit ausgesetzt, weil ich wusste, dass ich einige gute Freunde zurücklassen würde. Freunde von denen ich weiß, dass ich sie wahrscheinlich niemals wieder sehen werde. Freunde, die weiterhin unter den selben Dingen leiden werden wie ich es getan habe, die geistige und körperliche Zerstörung. Freunde, die im Schatten des Todes und der Folter leben. Es ist noch immer sehr schwer damit umzugehen, denn obwohl nicht mehr länger dort bin, spreche ich noch immer von „uns“ wenn ich mit den Männern hier über den Todestrakt spreche.

Diese Männer hier haben kein Wissen darüber, auch nicht die Wärter. Derzeit bin ich in einer Zelle, die wie der Level III ist, weil ich ein Extodessträfling bin. Sie alle wissen, dass der Todestrakt existiert, doch wie viel mehr uninformiert kann die generelle Öffentlichkeit sein? Jetzt müsst Ihr alle mir ein Versprechen geben. Bitte, bitte gebt niemals die Hoffnung auf.

Kämpft weiter gegen dieses barbarische System, kämpft weiter gegen die Ungerechtigkeit im Polunsky Gefängnis, macht weiter, egal womit, egal wie hoffnungslos es aussehen mag. Ich hatte 1998 einen Hinrichtungstermin, durch den ich beinahe die Hoffnung aufgab, doch ein Freund, Martin Draughon und mein damaliger Zellengenosse gaben mir die Adresse einer wundervollen Dame namens Tina Church. Ich nenne sie Engel und viele der Männer hier nennen sie Engel des Todestrakts. Sie kam in unsere Leben wie ein Pitbull. Ihre Hartnäckigkeit und Hingabe mir zu helfen war überraschend, doch sie begann sofort zu arbeiten und fand jene Anwälte für mich, die ich heute habe. Sie übernahmen meinen Fall, erreichten einen Hinrichtungsaufschub für mich und taten eine wunderbare Arbeit. Sie schafften ein Wunder. Es gibt keine Möglichkeit, dass ich ihnen jemals genug danke.

Susan, Mike und Andrew, Ihr seid wirklich und für immer meine Helden. Ich möchte außerdem Mandy Welch und Raoul Schonneman und all den anderen Anwälten beim Texas Defender Service danken.

Ich habe in den letzten elf Jahren so vielen Leuten geschrieben. Es erstaunte mich, wie viele Menschen sich wirklich um einen heruntergekommenen Mann im Todestrakt sorgen, einige von ihnen aus abgelegenen Orten in Europa oder großen Städten in der ganzen Welt. Glorida und Nancy, ich danke Euch. Meine gute Freundin Sabine, die viele von Euch kennen, ist eine der engagiertesten Personen im Kampf gegen die Todesstrafe die ich jemals kennen gelernt habe. Sie ist eine besorgte Person mit einem Herzen so groß wie Texas. Reidun, die ich erst letztes Jahr kennen gelernt habe, hat bereits einen speziellen Platz in meinem Herzen. Sie ist lustig, besorgt und engagiert im Kampf gegen die Todesstrafe. Erica, meine kleine italienische Schwester mit ihren Liebesschwierigkeiten und Schularbeiten ist jene Brieffreundin, der ich am längsten geschrieben habe, seit 1983. Marc, der pensionierte Geschichtelehrer in Frankreich, hatte immer ein paar wundervolle Bissen Geschichte für mich. Lady Diane, Eleanor und Rodney, meine englischen Brieffreunde, waren ebenfalls wunderbar. Dagny, Dagny, mein Weltereignis von einer Brieffreundin, sorgt sich so sehr über die Menschen der Welt und ihren Hund Bastian, ihren treuen Begleiter. Aine. He, lächle. Aine ist so cool, so voller Leben und ihr Lächeln würde Euch blenden. Sie ist auch meiner Mutter gegenüber eine besorgte Freundin. Irene, Du bist eine spezielle Freundin und wirst es immer sein. Ich schaffe es nicht, alle zu nenne, doch bitte wisst, dass Ihr alle einen großen Unterschied in der einsamen Hölle des Todestrakts gemacht habt. Brieffreunde bedeuten für viele so viel.

Jetzt zu meiner wunderschönen, besorgten und liebenden Paula. Mit dieser Änderung haben Paula und ich so viel, auf das wir uns freuen können: eine große Zukunft, die – das weiß ich – alle Probleme überstehen wird. Sie ist eine wunderbare Frau, die Liebe und Licht zurück in mein Leben gebracht hat. Danke Paula, Du bist mein Leben.

Am meisten danke ich Euch, Mom und Les. Ihr beide seid während des gesamten Alptraums an meiner Seite geblieben. Sie lebten acht Jahre lang in einem kleinen Campinganhänger, ungefähr so groß wie die Wohnzimmer der meisten Menschen, überlebten Tag für Tag, ertrugen die Hitze von Texas und andere Dinge, nur um nahe genug zu sein um mich zu besuchen, wenn es meiner Mutter gut ging. Sie saß bei jedem Protest da draußen in ihrem Rollstuhl, während andere in ihren Autos saßen und nicht teilnahmen. Mom, ich liebe Dich. Les, Du bist ein guter Mann und ich liebe auch Dich.

Zum Abschluss, jedoch in Wahrheit zu aller erst möchte ich einem liebenden, einem gebenden Gott danken und ihn preisen. Er machte diese Änderung möglich. Aufgrund unseres Vaters im Himmel werde ich eines Tages ein freier Mann sein. Vielen Dank Gott für deine Leitung. Ich werde die zweite Chance, die du mir gegeben hast, nicht verschwenden. Diese letzten elf Jahre haben mir viele Lektionen fürs Leben erteilt. Ich habe einige leicht gelernt und manche erreichten mich mit brutalem Zwang. Alle haben sie einen besseren Mann aus mir gemacht, doch die wichtigste Lektion, die ich weitergeben kann, ist dass man niemals aufgeben soll, niemals die Hoffnung verlieren soll, weil man niemals weiß, was Gott für einen geplant hat. Man weiß niemals, welches Wunder geschehen wird, das einem eine zweite Chance im Leben gibt. Ich habe meine und werde sie nicht verschwenden. Ich werde weiterhin spiritistisch und geistig wachsen. Ich werde mein Wissen nutzen, um anderen zu helfen und ich werde auf irgendeine Weise damit weitermachen, die Todesstrafe zu bekämpfen. Das ist ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe, denn obwohl ich mit emotionalen Narben weggehe, lasse ich einen großen Teil von mir zurück, elf Jahre meines Lebens, Freunde die ich niemals vergessen werde.

In den nächsten Jahren werde ich versuchen, ein besserer Mensch zu werden. Ich möchte soviel Bildung wie möglich bekommen und alles über die heutige Welt lernen, weil ich weiß, dass sie ein anderer Ort ist als der, den ich vor elf Jahren zurückgelassen habe. Ich möchte nicht zurückkehren, ohne eine gute Vorstellung davon zu haben, was mich erwartet. Mit der Hilfe von Paula und meiner Familie und meinen Freunden werde ich das sicher schaffen.

Wenn jemand schreiben will, bitte sehr. Ich betrete eine unbekannte Welt und Freunde sind eingeladen zu schreiben und mir durch das hier zu helfen. Ich freue mich darauf von Euch zu hören. Noch einmal bitte ich Euch alle die Hoffnung aufrecht zu erhalten, weiter zu kämpfen und jeden über den Wahnsinn zu informieren, der als Todestrakt bekannt ist.

Vielen Dank an alle.

In Kampf und Solidarität

Paul Colella
#1180878
Byrd Unit
PO Box 100
Huntsville Texas 77342-0100

Paul Colella
#1180878
Smith Unit
1313 County Road 19
Lamesa TX
79331-1898


Ich werde meine neue Adresse bekannt geben, sobald ich hier wegkomme und die Post wird mir nachgesendet.