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TIERISCHE INSTINKTE
von Paul Colella


Gestern war ein Tag, den ich mein ganzes restliches Leben nicht vergessen werde. Es war der Tag, an dem ich auf ein Tier reduziert wurde. Doch laßt mich Euch zuerst ein wenig erzählen.

Im Ellis Unit, wo der Todestrakt mehr als 20 Jahre lang untergebracht war, lernte ich Richard Cartwright kennen. Aufgrund unserer Vorliebe für Tätowierungen wurden wir Freunde. Ich war der Künstler, er der Sammler. Im Polunsky Unit gab es ein Arbeitsprogramm und wer daran teilnahm, konnte seine Zelle mit einem anderen Gefangenen teilen. Rich und ich wurden Zellenpartner. Wir teilten unsere Leben mit einander. Er schrieb meiner Mutter, ich seiner. Wir sahen einander als Brüder an. Polunsky hatte nicht nur ein Arbeitsprogramm, sie erlaubten uns auch, unsere Hände und Phantasien auf eine kreative Art und Weise zu nutzen. Durch Kunst und Handarbeiten machten manche Männer Schmuck, andere hölzerne Basteleien, Gemälde, Modellautos.

Wir hatten gemeinsame Freizeiten, in der wir in den Hof gehen (ein großer Käfig wie in einem Zoo), Teams bilden und Basketball, Handball oder Volleyball spielen konnten. Oder wir schauten fern, spielten Domino, Schach oder Scrabble. Soziale Interaktion ist ein menschliches Bedürfnis. In all den zwanzig Jahren hatte der Todestrakt weniger disziplinäre Probleme als der gesamte Rest des Systems.

1998 änderte sich alles, als Dank fauler Wärter sieben Männer einen Fluchtversuch wagten. Die Wärter hatten ihre Sicherheitsüberprüfungen nicht durchgeführt, wie es ihnen vorgeschrieben war. Alle Schuld lag also bei ihnen, doch wir wurden bestraft. Wir wurden in das furchtbare Terrell Unit gebracht, in dem gleich nach der Eröffnung ein Gefangner von einigen Wärtern und ihren Supervisors brutal zu Tode geprügelt worden ist.

Heute, unter dem Namen Polunsky Unit (Der Namenswechsel geschah, weil Charles T. Terrell seinen Namen nicht in Verbindung mit dem Todestrakt sehen wollte) geht die Brutalität täglich weiter, wenn die Wärter auch aufgrund der internationalen Aufmerksamkeit nicht mehr so extrem handeln, als in der Vergangenheit. Meistens handelt es sich nur um ein paar Schläge oder Tritte hier und da. Doch der Einsatz chemischer Gase hat so Überhand genommen, daß die Wände und Gitter so voll davon sind, daß es einem die Haut verbrennt, wenn man sich dagegen lehnt. Wann immer das Gas eingesetzt wird, wäre es ihre Aufgabe, das Areal zu lüften. In den zwei Jahren, in denen ich beobachtete und selbst dem Gas ausgesetzt war, habe ich niemals gesehen, daß sie nach dem Einsatz das Areal gelüftet hätten. Die Wände zeigen menschliche Umrisse, wo Gefangene dem Pfefferspray ausgetzt waren.

Wir sind 23 Stunden am Tag in Isolationszellen untergebracht ohne auch nur irgendeine Möglichkeit haben, uns kreativ zu betätigen. Es ist uns nicht erlaubt, an irgendwelchen Unterrichtsprogrammen teilzuhaben. Wir können keine religiösen Messen besuchen. Es gibt keine Fernseher und keinen Zugang zu Zeitungen, Büchern oder Magazinen für jene, die draußen niemanden haben, der diese Dinge für sie bestellen kann.

Die Kleidung, die man uns hier gibt, ist sehr oft feucht oder riecht nacht der letzten Person, die sie getragen hat. Wir bekommen keine Winterkleidung zur Verfügung gestellt. Die Qualität und Quantität der Nahrung ist nicht dazu geeignet, den Hunger zu stillen. Manche Männer sehen wie die Opfer von Konzentrationslagern aus.

Die Wärter sind nicht dazu ausgebildet, mit Todestraktinsassen umzugehen. Sie lachen und machen Witze über Hinrichtungen und die letzten Worte eines Verurteilten. Sie sprechen darüber, Feste zu feiern, wenn eine Hinrichtung stattfindet. Auf dem wenigen Besitz, den man uns hier erlaubt, wird oft herumgetrampelt oder er wird ins Wasser geworfen, einfach nur verwüstet und zerstört. Unsere Beschwerdeprozedur ist ein sich ständig wiederholender Witz mit den Wärtern, die wissen, daß sie solange mit allem davonkommen, was sie wollen, solange nicht ein Capitain oder anderer höherer Beamter ihr Fehlverhalten beobachtet hat.

Am 11.01.2002 wurde mein Freund und Bruder Opfer der Brutalität und des Fehlverhaltens der Wärter. Ein Wärter schubste und bedrängte ihn so lange, bis Rich ihm ins Gesicht spuckte. Als man ihm befahl, seine Hände durch den Schlitz zu stecken, weigerte Rich sich, wissend, daß die Wärter ihn in Handschellen stecken und dann schlagen würden. Zweimal schossen sie chemisches Gas auf ihn und dann stürmten fünf Wärter in Kampfmontur in seine Zelle und begannen damit, ihm ins Gesicht zu schlagen. Das war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Seit zwei Jahren protestiere ich gegen die Haftbedingungen und die Art wie sie uns hier behandeln. Ich habe Beschwerden eingereicht und den Direktoren geschrieben. Meine Briefe wurden an den Lieutenant weitergereicht, der mir gegenüber nur erwähnte, daß er sie vom Direktor erhalten hat. Ich habe an die Todesstrafengegner in Texas geschrieben, zahlreiche Artikel verfaßt und um Hilfe gebettelt.

Nachdem nichts geschah habe ich Feuer gelegt, Überschwemmungen verursacht und mich geweigert, nach Ende meiner Stunde außerhalb der Zelle zurückzukommen. Ich weigerte mich, von der Dusche zu meiner Zelle zurückzukehren. Ich habe alles mögliche getan damit etwas geschieht, doch ohne Ergebnisse.

Am 12.01.2002 wurde ich auf ein Tier reduziert. Ich habe die Handlungsweise eines Tieres angenommen. Ich fühlte meiner Ausscheidungen in eine Shampoo Flasche und wartete. Als die Wärter mein Tablett abholten, weigerte ich mich, meinen Arm wieder aus dem Futterschlitz zu nehmen, damit er verschlossen werden konnte. Ich sagte den Wärtern (die übrigens eine Gruppe der fairen Wärter waren), daß ich einen Supervisor sehen möchte. Ein Sergeant wurde gerufen. Auch dieser Sergeant war einer der fairen. Ich sagte ihm, daß ich mit ihm kein Problem hätte, aber daß mein Bruder in der Nacht zuvor verprügelt worden ist und daß ich mit einem Lieutenant sprechen muß.

Einige Minuten später sah ich einen Lieutenant und einen Direktor in meine Richtung kommen. Das Herz klopfte mir in der Brust, denn ich hatte die seltene Möglichkeit, einen Direktor auf mich aufmerksam zu machen.

Als die beiden näherekamen, besprühte ich sie beide mit meinen Ausscheidungen. Die Jubelrufe meiner Mitgefangenen zeigten mir, daß andere genauso frustriert und wütend sind wie ich. Und als der Direktor und der Lieutenant sich vor meinen Ausscheidungen duckten und versteckten, vergaß ich für diese wenige Minuten mein menschliches Herz und meine Schuldgefühle. Ich wurde tatsächlich das, als was sie mich immer angesehen haben, ein Tier !

Als es vorbei war, kamen sie mit sieben Wärtern, fünf in Kampfanzügen, ein Lieutenant mit einem Gaskanister und einer mit einer Kamera. Ich schrie mit aller Kraft, daß ich keinen Widerstand leisten würde, denn wenn ich das nicht geschrien hätte, hätten sie das Gas in meine Zelle geschossen und die Wärter in ihren Kampfanzügen hätten meine Zelle erstürmt und mir große Schmerzen verursacht, damit ich aufgebe. Sie zogen mich aus meiner Zelle, nahmen all meinen Besitz und zogen ihn durch meine Ausscheidungen. Sie drehten mein Wasser ab und ließen mich mit nichts anderem in meiner Zelle als mit meiner Matratze und der Unterwäsche, die ich anhatte. Es ist Januar und kalt.

Nach 30 Minuten kam der Direktor zu meiner Zelle und beschimpfte mich, was ich verstehen kann. Ich schrie und brüllte ihm meiner Gründe zurück, woraufhin er mir erklärte, daß ich aus meiner eigenen Schuld hier wäre. Das wäre wahr, wenn ich an dem Verbrechen schuldig wäre, das mich hierher gebracht hat. Doch das bin ich nicht ! Und selbst wenn ich schuldig wäre, sollte ich diesen Haftbedingungen und dieser Behandlung nicht ausgesetzt sein.

Nachdem alles vorbei war, lag ich zitternd vor Kälte auf meiner Matratze und schlief letztendlich ein. Als ich am Morgen aufwachte, bekam ich eine Art Brot, das eigentlich nur Teig mit ein paar Rosinen ist. Einige Stunden später kam der Direktor wieder zu meiner Zelle. Dieses Mal wollte er mir erklären, daß er seine Karriere nicht dadurch riskieren würde, daß er "meinen Arsch verprügelt", doch wenn jemals der Tag kommen würde, würde er da sein und zusehen, wie der Gerechtigkeit gedient wird, wenn man mich hinrichtet. Das ist die Art von Mensch, die hier auf uns aufpassen soll. Ich bin nicht wütend auf ihn wegen der Ignoranz, die er meinem Fall oder meiner Schuld gegenüber zeigt. Wir haben hier einen Mann in einer hohen Position, der nichts über die Umstände des Falles weiß, wegen dem ich hier bin, doch er denkt, wie so viele andere auch, daß eine Person, die hier ist, schuldig sein muß. Ich bin es nicht und weigere mich, die Brutalität und geistige Folter schweigend zu erdulden, die hier im Polunsky Unit in Livingston, Texas, USA permanent stattfindet.

Jetzt, nachdem meine Menschlichkeit zurückgekehrt ist, schäme ich mich meiner Aktion. Hier ist ein anderer Mensch und auch wenn er ein Teil dieses Systems ist, das mir alles genommen hat, habe ich ihn mit meinem impulsiven, tierischen Verhalten einem erniedrigenden Akt ausgesetzt ... Aber macht das aus mir ein Tier ? Nein, macht es nicht. Es zeigt, daß ich ein sehr frustrierter und wütender unschuldiger Mann bin ... Sie nahmen mich, steckten mich in eine einsame Welt, nahmen mich meiner Familie und meinen Freunden weg, nahmen jede Belohnung für gutes Verhalten, erniedrigten mich total, setzten mich dem Gas aus, ließen mich allein ohne jede Möglichkeit des kreativen Ausdruckes oder der sozialen Interaktion. Bitte sagt mir: Muß ich alles was geschieht schweigend akzeptieren, weil es alles angeblich meine Schuld wäre ? Was kann ich noch tun ? Wo kann ich mich beschweren ? Wer wird mir helfen ? Ich habe Beschwerden ausgefüllt, und ihn Briefen gebettelt und gefleht. Ich habe gewaltlos protestiert und jetzt wurde ich darauf reduziert, wie ein Tier zu handeln. Was bleibt über ? Soll ich meinen Verstand verlieren, um mit dieser Situation zurechtzukommen ? Was bleibt über ? Bitte helft mir .... Paul Colella

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